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Zu neuen Ufern: Grüne bitten zum Dialog in Sachen Schule

2. März 2012

Eßlinger Zeitung vom 2. März 2012

Schülern, Lehrern und Eltern steht Großes bevor: Sie werden komplett umdenken müssen, wenn die individuelle Förderung gepaart mit längerem gemeinsamen Lernen tatsächlich Einzug in die Klassenzimmer halten soll. Wem von den zahlreichen Zuhörern das noch nicht klar gewesen sein sollte, ging nach knapp drei Stunden Esslinger Dialog, zu dem die Grünen-Landtagsabgeordnete Andrea Lindlohr eingeladen hatte, zumindest mit diesem Lernerfolg nach Hause.

Von Claudia Bitzer

Andrea Lindlohr mit ihren Gästen: Prof. Dr. Karl Zenke, Mariana Vanek, Rudolf Bosch und Dr. Joachim Friedrichsdorf (v.l.n.r.)

Andrea Lindlohr mit ihren Gästen: Prof. Dr. Karl Zenke, Mariana Vanek, Rudolf Bosch und Dr. Joachim Friedrichsdorf (v.l.n.r.)

„Welche Schule wollen wir?“, hat Lindlohr gefragt und dazu ein glänzend besetztes Podium zusammenbekommen. Mit dem Ravensburger Hauptschulrebellen („Sagen Sie wenigstens a.D.!“) und jetzigen Kumi-Mitarbeiter Rudolf Bosch hatte sie den Urheber des Brandbriefs eingeladen, der 2007 vom damaligen Kultusminister Rau nach Stuttgart zitiert wurde – und dort nun unter völlig konträren Vorzeichen in der Stab­stelle Gemeinschaftsschule, Schulmodelle, Inklusion arbeitet. „Wir wollen Gemeinschaftsschulen dort haben, wo der Wunsch nach ihnen besteht“, formulierte er eine Grundbedingung der grün-roten Landesregierung. Dafür brauche es eine vollkommen andere Lernkultur. Die 34 Starterschulen haben darin schon erste Erfahrungen, auf jeden Fall aber das geforderte pädagogische Konzept, das Ja des Schulträgers und in der Regel mindesten zwei Züge.

Abschied von den Noten

Was es heißt, künftig nicht mehr im Klassenverband, sondern in heterogenen Lerngruppen zu lernen und Erfolge nicht mehr in Noten zu zurren, sondern in Kompetenzrastern zu beschreiben, verdeutlichte Joachim Friedrichsdorf, stellvertretender Leiter der Tübinger Geschwister-Scholl-Schule. Die ist ein Schulverbund aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Als die Stadt Tübingen aufgrund sinkender Schülerzahlen die Hauptschule schließen wollte, hatten sich Realschule und Gymnasium der Geschwister-Scholl-Schule dagegen gesperrt und innerhalb kürzester Zeit ein gemeinsames Konzept zur „Erweiterten Kooperation“ (Erko) eingereicht. Die Stadt ließ sich darauf ein – und das damalige Kultusministerium im Rahmen eines weiteren Rettungsversuchs seiner Hauptschulen ebenfalls. Friedrichsdorf kann selbst besorgten Eltern von guten Schülern nur Mut machen, ihre Kinder in heterogenen Gruppen arbeiten zu lassen. „Gerade die Leistungsstarken nehmen sich, was sie wollen, und profitieren von ihrer authentischen Leadership-Entwicklung.“

Lehrer müssen ihre Rolle verändern

Für Mariana Vanek, Chefin der Realschule Oberesslingen, gehört Vielfalt ohnehin zum Schulalltag. Rund 20 Prozent ihrer Schüler kommen mit einer Gymnasialempfehlung, weitere 20 Prozent wären eigentlich Kandidaten für die Hauptschule. Man bemüht sich um Förderung, „aber die Kontinuität fehlt“. „Ich würde mir natürlich wünschen, unsere Schule in Richtung Gemeinschaftsschule weiterentwickeln zu können. Aber dazu gehört immer auch das Umfeld.“ Das größte Problem sieht die Schulpraktikerin darin, dass die Lehrer ihre Rollen komplett verändern müssen. „Das ist eine große Herausforderung, die wir nicht nebenher leisten können.“

„Die Lehrerbildung hat ihre Nagelprobe noch vor sich“, meinte auch Karl Zenke, emeritierter Professor der PH Ludwigsburg und der Uni Gießen. Für ihn ist klar, dass sich künftig die Schule an die Kinder anzupassen hat – und nicht mehr umgekehrt. Ein Blick auf das Übertrittsverhalten nach Klasse vier zeige die Perversion des bisherigen selektiven Systems. „Eine Übertrittsquote von 70 Prozent auf die Gymnasien kann nur heißen, dass es in Tübingen keine praktisch Begabten gibt.“ Berlin liege bei 50, manche Orte in Bayern kämen auf keine 20 Prozent. Zenke: „Schulbesuch und Begabung haben nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun.“

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