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Keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt

15. August 2016

Aus der Eßlinger Zeitung vom 10. August 2016 von Dagmar Weinberg

ESSLINGEN: Sozialminister Manfred Lucha macht Station im Berberdorf

Manfred Lucha schüttelt dieser Tage viele Hände und hört aufmerksam zu. Der macht eine Sommertour durchs Ländle. Gestern Morgen hat er im Esslinger Berberdorf Station gemacht.

Bevor sich der Minister, der auf Einladung der grünen Landtagsabgeordneten und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Andrea Lindlohr nach Esslingen gekommen war, mit einigen Bewohnerinnen und Bewohnern des Berberdorfs zum Frühstück traf, drehte er erst einmal eine Runde durch das Hüttendorf. Dort leben zurzeit 23 Frauen und Männer. Zwar ist das Land seit vielen Jahren nicht mehr originär für Menschen ohne Wohnung zuständig. „Es ist aber unsere Aufgabe, uns auch um all jene Menschen zu kümmern, deren Teilhabe nicht gewährleistet ist“, machte der Sozialminister deutlich. „Wir denken nicht in Zuständigkeiten, sondern in Verantwortlichkeiten.“ So beteiligt sich das Land auf freiwilliger Basis an Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Schon die grün-rote Vorgängerregierung habe die Investitionen in die Wohnungslosenhilfe verdreifacht. Davon hat auch das Esslinger Berberdorf profitiert. Den Kauf neuer Sanitärcontainer hatte das Land mit rund 73 000 Euro unterstützt.

„Soziale Ausgrenzung macht krank“

Dass die ein Segen für die Bewohnerinnen und Bewohner sind, bestätigte Regine Glück, als Abteilungsleiterin für die Angebote der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva) im Landkreis Esslingen zuständig. Kamen die Bewohner des Hüttendorfes unter der Vogelsangbrücke früher aus der gesamten Republik, stammen sie heute vorwiegend aus dem Kreis. Wer im Berberdorf um Aufnahme bittet, hat eine „lange Geschichte der Ausgrenzung hinter sich“, erklärte die Abteilungsleiterin. Viele sind von Suchtmitteln abhängig, haben psychische Probleme und sind auch körperlich in schlechter Verfassung. „Soziale Ausgrenzung macht auch physisch krank“, verdeutlichte Regine Glück. Ein Problem, mit dem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der eva zunehmend konfrontiert sind: „Wir müssen für Bewohner, die alt und krank sind adäquate Hilfe finden“. Sie in ein normales Pflegeheim zu integrieren, sei aufgrund ihrer Biografie oft schwierig. In den Holzhütten leben aber auch zunehmend junge Wohnungslose. „Sie sind in verzweifelten familiären Verhältnissen groß geworden und haben es nicht geschafft, ihr eigenes Leben in den Griff zu kriegen.“

Kommunen brauchen Unterstützung

Eigentlich ist das Berberdorf als Übergangsstation und nicht als Dauerbleibe gedacht. „Wir wollen den Bewohnern Perspektiven eröffnen und ihnen wieder Arbeit und Wohnraum vermitteln“, machte Regine Glück deutlich. „Aber da können wir nichts anbieten und sind leider zahnlose Tiger.“ Inzwischen seien die Frauen und Männer aus dem Hüttendorf auf dem Wohnungsmarkt chancenlos.

Dass die Landesregierung schnell ausreichenden und bezahlbaren Wohnraum schaffen muss, ist Manfred Lucha und Andrea Lindlohr klar. „Leider war der soziale Wohnungsbau im Land ziemlich in Vergessenheit geraten“, sagte die Landtagsabgeordnete, die auch wirtschaftspolitische Sprecherin und Sprecherin für Bauen und Wohnen der grünen Landtagsfraktion wirtschaftspolitische Sprecherin und Sprecherin für Bauen und Wohnen der grünen Landtagsfraktion ist. Dass bei der „Wohnraum-Allianz“, die das Land jetzt gegründet hat, Vertreter der Wohnungswirtschaft, der Kommunen, Politik, Banken und Naturschutzverbände an einem Tisch sitzen, „ist ein erster wichtiger Schritt“, unterstrich der Sozialminister. „Wir stellen fest, dass das Interesse wieder da ist und sich Gemeinden und Kreisverwaltungen auf die Suche nach Partnern für Wohnbauprojekte machen.“

Mit Initiativen und Vorschlägen der „Wohnraum-Allianz“ sei es aber alleine nicht getan, verdeutlichte Renate Schaumburg vom Amt für Soziales und Sport der Stadt Esslingen. „Bei dem Mix, der da in Zukunft in den Quartieren entsteht, braucht es Unterstützung und Betreuung der Nachbarschaften.“ Das habe die Landesregierung bisher noch zu wenig im Blick. „Da brauchen die Kommunen dringend Hilfe.“

Hütten statt Zelte:

Das Areal unter der Vogelsangbrücke war schon in den 80er-Jahren bei Wohnungslosen als Übernachtungsort bekannt. Initiiert von Esslinger Bürgerinnen und Bürgern sowie Kirchengemeinden, gelang es mit Unterstützung der Stadt, des Landkreises und der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva), der „wilden“ Übernachtungsstelle Schritt für Schritt Strukturen zu geben. Zunächst wurden Zelte und Bauwagen organisiert, dann ein Sanitärcontainer aufgestellt. 1995 erhielt das Berberdorf den Status eines Aufnahmehauses. Seitdem ist das Hüttendorf, in dem bis zu 25 Männer und Frauen Platz finden, eine ambulante Einrichtung der eva. „Wir haben viel Solidarität durch die Stadt und den Landkreis erfahren“, sagt eva-Vorstand Jürgen Armbruster. „Die Stadt und die Bürgerschaft haben uns immer signalisiert, dass wir dazu gehören.“ In den vergangenen zwei Jahren wurde das Berberdorf umfassend saniert. Heute leben die Bewohner in Doppelhütten mit abgeschlossenen Wohnbereichen für je eine Person. Jeweils fünf bis sechs Personen teilen sich einen Sanitärcontainer und halten ihn auch sauber.

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