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Die Vernetzte

26. Juni 2011

Eßlinger Zeitung 4. Juni 2011

Von Doris Brändle

Als Abgeordnete der Grünen ist Andrea Lindlohr im Landtag zwar noch ganz neu. Dennoch könnte man die 36-Jährige fast schon als alte Häsin bezeichnen. Die letzten acht Jahre saß sie bereits als parlamentarische Beraterin in einem Büro des Abgeordnetenhauses. Jetzt musste sie zwar umziehen, doch ihre Kartons konnte sie schon ein paar Türen weiter wieder abladen. In dem Büro, das sie mit ihrem neuen Mitarbeiter Johannes Gnann teilt, stehen sie noch immer unberührt in der Ecke. Die Wände mit Bildern dekorieren? Darüber hat sich Andrea Lindlohr noch gar keine Gedanken gemacht. Die Babyfotos ihrer Nichten und Neffen aus dem alten Büro sind zu vergilbt.

Überhaupt, es gibt Wichtigeres, findet sie. „Als wirtschaftspolitische Sprecherin und stellvertretende Fraktionsvorsitzende habe ich auf einen Schlag sehr viel Verantwortung“, sagt sie. Sie sitzt außerdem im Finanz- und Wirtschaftsausschuss, im Ständigen Ausschuss und im Präsidium des Landtags. Das sei etwas völlig anderes als der Job als parlamentarische Beraterin. „Auf das Regieren konnten wir uns nur begrenzt vorbereiten, wir müssen jetzt lernen, was eine Regierungsfraktion eigentlich macht.“

Gegen den Bundestag entschieden

Vor ein paar Tagen hat sich für die 36-Jährige eine neue Option aufgetan: Sie hätte als Bundestagsabgeordnete nachrücken können. Gereizt hat es sie. Schließlich kann man in Berlin viel größere Räder drehen. „Ich interessiere mich zum Beispiel für Renten-, Außen- und Sicherheitspolitik.“ Aber schon in ihrem ersten Impuls habe sie sich gegen Berlin entschieden. „Ich habe hier einen direkten Auftrag von den Wählern, meine Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel.“ Außerdem habe sie hier viel direktere Möglichkeiten, sich einzubringen.

Ihr Terminkalender sei jetzt noch voller als während des Wahlkampfs. Zuhause fängt sie mit der Süddeutschen, der Eßlinger Zeitung und dem Deutschlandfunk an, sich zu informieren. Da geht sie auch schon online. Dann jagt eine Sitzung die nächste. Es gibt so viele Menschen, die sie treffen, Verbände mit denen sie sprechen will. „Alles, wo Wirtschaft drauf steht, kommt jetzt erstmal zu mir.“ Und da ist ja auch noch der Wahlkreis: 100 Jahre Albverein, Webergassenfest, 50 Jahre Lebenshilfe. An etwa drei Tagen die Woche kommt Andrea Lindlohr nicht vor 23 Uhr nach Hause.

Zeit für Telefonate mit ihrer weit verstreuten Familie, für Freunde und Kino nimmt sie sich trotzdem. Sport findet in ihrem Leben derzeit nicht statt. „Ich gehöre ja zur Generation Schultertasche. Das spüre ich schon manchmal im Nacken. Ich denke, da sollte ich mal was machen.“ Auf die Zeitnot will sie es aber nicht schieben: „Ich habe noch nie zu Sport geneigt.“

Dass sich in der Wirtschaftspolitik selten schnell sichtbaren Ergebnisse erzielen lassen wie in den Schulen oder beim Verkehr, weiß Lindlohr. „Da geht es vor allem darum zu kommunizieren, Ideen aufzunehmen und an die Entscheidungsträger heranzutragen.“ Netzwerke herzustellen, das sei ihre Stärke. Es vergehen kaum fünf Minuten, in denen Lindlohr ihr Blackberry aus den Händen legt.

Da sie jetzt viel mit Wirtschaftsvertretern zu tun hat, will Lindlohr ihre Garderobe anpassen. „Ich kann da nicht in Jeans kommen. Und mit den Hosenanzügen und Kostümen, die in meinem Schrank hängen, stoße ich an Grenzen. Ich brauch‘ mehr davon.“ Die Möbel fürs Wahlkreisbüro in der Esslinger Bahnhofstraße sind gekauft. Sie baut gern Möbel auf. „Aber ich fürchte, diesmal muss ich das andere machen lassen“, sagt Lindlohr. Als Mitarbeiter für den Wahlkreis hat sie Andreas Fritz eingestellt.

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