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Ein klares Feindbild dient der grünen Katharsis

13. Mai 2009

Stuttgarter Zeitung 11. Mai 2009  Seite 3
Die Grünen arbeiten sich an der FDP ab

Ein klares Feindbild dient der grünen Katharsis
Von Bernhard Walker

Die von den Spitzenkandidaten Renate Künast und Jürgen Trittin angebahnte Annäherung an die FDP ist Vergangenheit. Beim Berliner Parteitag haben sich die Grünen auf die FDP eingeschossen. Als neue Verbündete hat Gesine Schwan die Delegierten zum Jubeln gebracht. (…) siehe weiterlesen

In der Wahlaussage wird eine Koalition aus Union, FDP und Grünen ausgeschlossen. „Jamaika bleibt in der Karibik. Und das ist sehr gut so“, meint Roth. Alle anderen Optionen werden offengelassen: die Ampel, Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün. So finden sich in gutem grünen Familienfrieden alle in dem Beschluss wieder: Realos, linker Flügel und die Basis. Es gehe, sagt die Esslinger Bundestagskandidatin Andrea Lindlohr, nicht um die anderen Parteien. Aber wenn sie die FDP betrachte, sehe sie verhärmte, 60-jährige männliche Zahnärzte. Wenn sie die Linkspartei betrachte, sehe sie verhärmte, 60-jährige männliche Gewerkschaftsfunktionäre. Beide, FDP wie Linkspartei, seien strukturkonservativ. Und dagegen helfe nur „Grün pur“.

Boris Palmer ist eine Zumutung. Natürlich nur rein optisch. Der Tübinger Oberbürgermeister trägt schwarze Lackschuhe und einen blauen Polyesteranzug, dessen Farbe eine Herausforderung für jede Netzhaut ist. In diesem Gewand streift Palmer durch das Berliner Velodrom und erklärt jedem, der ihn auf den Anzug anspricht, dass er damit für sein Buch Reklame mache: „Da ist ein knallblaues Bild drauf“, sagt Palmer. Bei seinen Parteifreunden kommt der Marketing-Gag des Tübingers gut an. Immerhin bringt das große Hallo, das Palmers modische Verirrung auslöst, etwas Abwechslung in den Parteitag.
Der zieht sich über lange Zeit gemächlich dahin. Stunde um Stunde beraten die Delegierten über das Wahlprogramm der Grünen. Ein Redner nach dem anderen betont, dass allein das grüne Konzept den Weg aus der Krise weise und eine Million Jobs schaffe. Wobei viele, die ans Mikrofon treten, es nicht versäumen, die FDP zu schelten. An ihr und an Guido Westerwelle arbeiten sich die Grünen auf diesem Parteitag regelrecht ab.
Der Parteichef Cem Özdemir versteigt sich gar zu der Formulierung, dass der FDP, die mit unsoliden Steuerplänen dicke Backen mache, schon „die Luft aus dem Hintern“ weiche. Dass die Spitzenkandidaten Künast und Trittin noch vor wenigen Wochen die Annäherung an die FDP suchten, davon ist hier im Berliner Radsportstadion keine Rede mehr. Schließlich hatte vor allem die Basis im großen Landesverband Nordrhein-Westfalen den Aufstand gegen Künast und Trittin geprobt. Beide hatten verlangt, dass die Ökopartei eine Ampelkoalition aus SPD, FDP und Grünen als wahrscheinlichste Variante für die Regierungsbildung nach der Wahl benenne, woraufhin die Parteispitze einen Kompromiss fand: Man schließt die Ampel nicht aus, redet ihr aber auch nicht das Wort. Gleichsam als Entschuldigung für Künasts und Trittins Vorstoß nutzen die führenden Grünen-Politiker das Treffen im Velodrom, um pausenlos die grüne Eigenständigkeit herauszustellen und die Liberalen zu geißeln. Vielleicht ist die Parteispitze deshalb froh gewesen, als die Redakteure einer satirischen Fernsehshow Westerwelle in die Tagungshalle mitbringen – und zwar als lebensgroße Pappmachéfigur. Die dient nun zur grünen Katharsis. Viele Delegierte bauen sich neben Papp-Guido auf und schildern mit gleich klingenden Worten, warum Gelbe und Grüne nicht zusammenpassen. Da ist von den Neoliberalen die Rede, von den geistigen Urhebern der Krise, von FDP-Politikern als Ökoignoranten und Verbündeten der Heuschrecken.
Sehr gut passen hingegen Grüne und eine Rote zusammen. Am Samstag spricht Gesine Schwan, die Kandidatin der SPD für das höchste Staatsamt, zu den Abgesandten der Basis. Und die sind entzückt, welche Komplimente Schwan den „lieben Freundinnen und Freunden“ macht: „Ihr tut diesem Land sehr gut“, ruft Schwan in den Saal, „ich teile eure Absichten ganz und gar.“ Schwan ist die grünste Sozialdemokratin, die man sich denken kann. Habitus und Sprache weisen sie als Angehörige des akademisch gebildeten Bürgertums aus, das die Grünen so stark prägt. Es sei wunderbar, dass man heutzutage viele junge Väter treffe, die den Kinderwagen zum Spielplatz schieben, sagt Schwan: „Männer lernen soziale Kompetenz nicht in Managerkonferenzen, sondern in der Familie.“ Dann bedankt sich Schwan bei den Grünen, die „uns Sozis didaktisch stark“ die Verbindung aus Ökologie und Ökonomie beigebracht hätten: „Ihr seid eben gute Lehrer.“ Dieses Lob für eine Partei mit großer Studienratsdichte wird ihr mit großem Beifall gedankt.
Jubel kommt auch Sonntagmittag auf. Eben haben die Delegierten die schwierigste Klippe elegant umschifft. Eben haben sie den Bürgern mitgeteilt, wie sie das Wahlprogramm umsetzen wollen. Ein Antrag von Parteifreunden aus Berlin-Spandau, der jede Zusammenarbeit mit Union und FDP verwirft, löst einen Streit um Verfahrensfragen aus. Der Tübinger Abgeordnete Winfried Hermann, der die Abstimmung über die sogenannte Wahlaussage leitet, mahnt die Spandauer, den „schönen Parteitag“ nicht aufzumischen: „Jetzt chaotisiert das bitte nicht.“
Nach Chaos ist der Mehrheit aber nicht zumute. Der Spandauer Text kommt gar nicht zur Abstimmung. „Das ist ein perfekter Parteitag“, juchzt denn auch Parteichefin Claudia Roth. In der Wahlaussage wird eine Koalition aus Union, FDP und Grünen ausgeschlossen. „Jamaika bleibt in der Karibik. Und das ist sehr gut so“, meint Roth. Alle anderen Optionen werden offengelassen: die Ampel, Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün. So finden sich in gutem grünen Familienfrieden alle in dem Beschluss wieder: Realos, linker Flügel und die Basis. Es gehe, sagt die Esslinger Bundestagskandidatin Andrea Lindlohr, nicht um die anderen Parteien. Aber wenn sie die FDP betrachte, sehe sie verhärmte, 60-jährige männliche Zahnärzte. Wenn sie die Linkspartei betrachte, sehe sie verhärmte, 60-jährige männliche Gewerkschaftsfunktionäre. Beide, FDP wie Linkspartei, seien strukturkonservativ. Und dagegen helfe nur „Grün pur“.

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1 Kommentar zu "Ein klares Feindbild dient der grünen Katharsis"
  1. Liebe 60-Jährige, liebe Zahnärzte, liebe Gewerkschafter, liebe Männer, bevor Sie protestieren: Ganz gewiss habe ich nichts gegen Sie und treffe Sie gerne zum Gespräch.
    Die Intention meiner Rede auf dem Bundesparteitag zum Thema Koalitionsaausage der Grünen zur Bundestagswahl 2009 war, dass die Grünen keine Koalitionsoption von vorherein ausschließen sollten, so auch nicht ‚Jamaika‘ aus Union, FDP und Grünen. Die Debatte war von emotionalen Reden geprägt, beispielsweise von der grünen Bundesvorsitzenden Claudia Roth und der Spitzenkandidatin Renate Künast.
    Im Saal und beispielsweise bei der Süddeutschen Zeitung (s. dort) kam meine Intention klar an.

    Andrea Lindlohr | 13. Mai 2009
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