. . Startseite | Sitemap | Impressum | Anmelden

Wahlkampf nach Fahrplan

9. September 2009

Esslinger Zeitung 7. September 2009

BUNDESTAGSWAHL 2009 STIPPVISITE BEI ANDREA LINDLOHR (GRüNE)

Wahlkampf nach Fahrplan

HOCHDORF/ESSLINGEN: Die 34 Jahre alte Kandidatin will ihre Partei wieder zur drittstärksten Kraft im Wahlkreis machen

Von Michael Panzram

Samstag, 9.12 Uhr, Gleis 7, Esslingen Hauptbahnhof. Die Planung eines Wahlkampftags beginnt für Andrea Lindlohr mit dem Blick auf die Fahrpläne für Bus und Bahn. Schon als junge Erwachsene war die Kandidatin der Grünen für die Bundestagswahl im Wahlkreis Esslingen eine „überzeugte Öko“ und hat deshalb keinen Führerschein. Gestört hat sie das bisher nicht, auch nicht während des Studiums in Tübingen, als sie den heutigen Oberbürgermeister Boris Palmer kennenlernte und in die Partei eintrat. Auch für den vergangenen Samstag hat Lindlohr also genau geplant, wie sie morgens mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hochdorf zum Bauernmarkt kommt. Mit dem Fahrrad fährt sie zum Bahnhof, mit der S-Bahn nach Plochingen, von dort mit dem Bus nach Hochdorf.

Besonders die letzten vier Wochen vor der Bundestagswahl am 27. September sind bei Andrea Lind­lohr vollgepackt mit Terminen, mit Vorträgen und mit Straßenwahlkampf. Zeit dafür hat sie vor allem an den Wochenenden, denn ansonsten ist sie eingespannt in ihren Job als parlamentarische Beraterin für Wirtschaft, Arbeit und Energie der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg. „Einzelne Tage unter der Woche nehme ich mir aber auch frei“, sagt Lindlohr. Ihre Chancen von Listenplatz 15 aus? „Bisher hat es von diesem Platz noch niemand in den Bundestag geschafft. Aber die Stimmung für Grün ist gut.“ Ihre Ziele? „Wir Grünen wollen den dritten Platz im Wahlkreis von der FDP zurückerobern.“

In Hochdorf auf dem Bauernmarkt sind zwei Stunden am Infostand der Partei vorgesehen, gemeinsam mit Ellen Kropp und Karl-Ernst Kreutter vom Ortsverband der Grünen. Doch schon nach wenigen Minuten verlässt die 34 Jahre alte Kandidatin ihren Platz und dreht eine Runde auf dem Markt, ausgestattet mit reichlich Wahlkampfmaterial in der Hand. Es sind überwiegend die klassisch grünen Themen, mit denen die Menschen auf die Kandidatin zukommen: Erneuerbare Energien, Stromsparen, Wasserkraft, Atomausstieg. Aber auch Anfragen zu Gebieten, auf denen Lindlohr politisch nicht unbedingt zuhause ist, tragen die Menschen an sie heran. So zum Beispiel die Bitte, sich für ein Verbot des Zahnersatzes Amalgam einzusetzen. Auf der Runde über den Markt kommt Lindlohr auch bei Jürgen Zinßer im Mühlenladen vorbei und lässt sich den Wasserantrieb erklären und das uralte Wasserrecht, das die Familie Zinßer besitzt.

11.57 Uhr, Hochdorf Ortsmitte, das Taxi wartet. Es bleiben weniger als zehn Minuten, um die S-Bahn in Plochingen zu erreichen. Die Planung von Lindlohr geht exakt auf. Um 12.06 Uhr schließen sich die Türen hinter der Grünen-Kandidatin. Auf solchen Bahnfahrten findet die 34-Jährige viel Zeit, Protokolle durchzuarbeiten oder Zeitungen zu lesen.

Am Bahnhof Esslingen schnappt Lindlohr ihr Fahrrad und macht sich nahtlos auf in Richtung Innere Brücke, denn dort wird sie bereits am nächsten Infostand erwartet. Es geht vorbei an den Pavillons und Schirmen der Konkurrenten. Sechs Parteien haben hier auf engstem Raum ihre Stände aufgebaut – Kopfnicken, Händeschütteln, man kennt sich. Gleich der erste potenzielle Wähler fragt schlicht nach dem altbekannten Anti-Atomkraft-Aufkleber mit der roten Sonne drauf. Den Flyer mit dem grünen Wahlprogramm will er dagegen nicht, aber immerhin scheint er eine urgrüne Haltung zu unterstützen. Auch in Esslingen steht Lindlohr zwei Stunden Rede und Antwort, die Themen bleiben wie in Hochdorf die gleichen. Danach ist die Grünen-Kandidatin mit einer Journalistin zu einem längeren Gespräch verabredet.

Der Abend ist ebenfalls mit dem „Kampf um jede Stimme“ ausgefüllt. Martin Lesny, Esslinger Ortsvorstand der Grünen, hat zur Gartenparty eingeladen. Hier trifft Lindlohr, die im Juli 2008 zur Bundestagskandidatin für den Wahlkreis Esslingen gewählt wurde, kaum auf Parteifreunde. „Multiplikatoren“ sind ihre Gesprächspartner im privaten Kreis. Darunter versteht sie Menschen wie Lesny oder Steindrucker Hans Ulrich, die in einer Position sind, aus der sie weitere potenzielle Wähler von den grünen Ideen überzeugen könnten.

Vor allem von der Automobilindustrie in der Region fordert Lindlohr eine „schnelle Umstellung“, hin zu „kleinen, leichten, effizienteren Autos“. Ein erweitertes grünes Bewusstsein in der Bevölkerung hat sie auf ihrer Tour bereits erkannt: „Niemand sagt mehr, dass es keinen Klimawandel gibt. Die Erkenntnis ist da, das Handeln fehlt aber noch.“

Bisher keine Kommentare zu "Wahlkampf nach Fahrplan"
Leave a comment