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Vertrauen schaffen auf Knopfdruck

5. März 2016

Aus der Eßlinger Zeitung vom 17. Februar 2016

ESSLINGEN: Wahlkampf von Haus zu Haus – Abgeordnete sieht keine Option für eine schwarz-grüne Regierung.

Sie sieht sich als „Schafferin und Vernetzerin“. So steht es auf den Wahlplakaten oder auf den Flyern, die sie an einem Samstagnachmittag an die Frau oder an den Mann bringen will. Tür-zu-Tür-Besuche sind angesagt, und dafür trifft sich Andrea Lindlohr mit ihrem Wahlkampfteam zunächst einmal im „Lux“ im Kommunalen Kino in Esslingen. Einsatzbesprechung: Wer übernimmt welchen Straßenzug? Hat jeder genügend Informationsmaterial in der Tasche? Und dann geht es auch schon hinaus in diesen grauen und regnerischen Nachmittag. Welcher Partei Andrea Lindlohr angehört, die vor fünf Jahren erstmals als Esslinger Abgeordnete in den Landtag gewählt wurde, lässt sich unschwer erkennen: grüner Mantel und grüne Tasche, darin die Flyer – natürlich ebenfalls grün, sowohl optisch als auch inhaltlich.

Wahlkampf kann ein mühsames und mitunter auch undankbares Geschäft sein. Das bekommt die 41- jährige Politikwissenschaftlerin an diesem Nachmittag hautnah zu spüren. In der Kanalstraße öffnet Edith Schrempf die Haustür und kommt mit der Kandidatin ins Gespräch.  Um landespolitische Themen geht es nicht, sondern um das, was im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegt. Um den Steg etwa, der früher vom Spielplatz her zum Jugendhaus Komma geführt hat und den es schon lange nicht mehr gibt. Oder um den Dreck, der sich auf dem Kanal ansammelt und immer wieder zu Verstopfungen führt. Am Ende wirft Edith Schrempf dann aber doch noch einen Blick in den Wahlprospekt.

„Flyerle“

Geboren im nordrhein-westfälischen Königswinter, lebt Andrea Lindlohr schon lange im Schwäbischen. Sie tut das gern und sucht daher auch sprachlich die Nähe zu den Menschen in ihrem Wahlkreis. „Darf ich Ihnen mein Flyerle dalassen?“, fragt sie höflich im englisch-schwäbischen Wortgemenge mit rheinländischem Einschlag. Die meisten Leute, die Lindlohr antrifft, sind für solche sprachlichen Feinheiten allerdings kaum empfänglich. Viele von ihnen haben italienische Wurzeln, und es ist schon erstaunlich, wie häufig man den südländischen Akzent in diesem Viertel zwischen Kanal-, Merkel- und Mörikestraße hört.

Das erleichtert nicht unbedingt die Kommunikation über politische Themen. Ein Mann gibt sich als „völlig unpolitisch“ zu erkennen, deshalb wähle er auch nicht. Eine Frau will das „Flyerle“ ihrem Mann geben, eine andere, die seit 50 Jahren in Esslingen lebt und italienischer Abstammung ist, erzählt von ihrer Tochter. Andere, die zögerlich ihre Tür öffnen, reagieren regelrecht schroff und unfreundlich. An der Kandidatin kann es nicht liegen, die stets freundlich bleibt, sich nicht aufdrängt.

Ein Schlückchen Salbeitee aus der Thermoskanne vertreibt ein wenig die Kälte aus den Gliedern, bevor es auch schon weiter geht. Ein 81-jähriger Mann verhilft zu einem Erfolgserlebnis: „Ist doch klar, ich wähle die Grünen schon seit vielen Jahren“, sagt er, nachdem er die Kandidatin in seine Wohnung gebeten hat. Wenig später begrüßt eine Frau die Wahlkämpferin mit den Worten: „Frau Lindlohr, gell? Ich verfolge das Geschehen in der Presse und wünsche Ihnen viel Glück.“ Eine weitere Frau ermuntert Andrea Lindlohr geradezu, an den Haustüren der Menschen zu läuten: „Man kennt die Abgeordneten ja gar nicht. Da ist es gut, wenn man sie mal trifft. Das schafft Vertrauen.“

Starke Präsenz

Um Vertrauen wirbt Andrea Lindlohr auch durch starke Präsenz in ihrem Wirkungsfeld – und dies nicht nur in Wahlkampfzeiten. Da ist sie allemal eine Schafferin, die nicht müde wird, ihre Positionen zu vertreten: soziale Wohnungspolitik, bessere Vernetzung von Auto, Zug, Bus und Fahrrad, intelligente Stromnetze für die Energiewende oder Integration von Flüchtlingen durch Arbeit und Ausbildung. Dass sich die AfD im Aufwind befindet und eine Regierungsbildung nach dem 13. März möglicherweise erschweren könnte, betrachtet die Abgeordnete mit einiger Sorge. Wäre da nicht auch Schwarz-Grün eine Alternative, oder gibt es da Berührungsängste? „In den demokratischen Parteien kennt man sich untereinander“, versichert Lindlohr. Sie will, dass Winfried Kretschmann Ministerpräsident im Land bleibt, und kommt zu dem Schluss: „Das macht Schwarz-Grün unattraktiv.“

Entgegen vielfach geäußerter Kritik aus der Bevölkerung ist die Kandidatin der Meinung: „Die Flüchtlingspolitik wird bei uns sehr ordentlich erledigt – von der Landesregierung, von den Landkreisen und Kommunen.“ Es sei kein Untergang, wenn es für dieses Thema keinen Masterplan gebe. „Da ist nichts planbar. Es geht nur Schritt für Schritt und mit Vertrauen in unsere Institutionen.“ Ein Appell an die Geduld, die Andrea Lindlohr aber im Falle rassistischer Hetze ganz schnell verliert: „Da muss man sofort dagegen halten.“

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