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Reden bis zum Stopp-Schild

19. September 2009

Esslinger Zeitung 18. September 2009

ESSLINGEN: Lebendige Diskussion beim Wahlpodium des CVJM – Viele Fragen der Zuhörer

Fünf Bundestagskandidaten hatte der CVJM zum Wahlpodium in den Lutherbau eingeladen. Rainer Hauenschils (Die Linke) und Rena Farquhar (FDP) waren verhindert, so dass sich nur Andrea Lindlohr (Grüne), Karrin Roth (SPD) und Markus Grübel (CDU) das Podium mit den beiden Moderatoren teilten.

Von Peter Dietrich

Das rote Stoppschild, das ein junger Mann am Ende der knappen Redezeiten nach oben streckte, war kaum zu übersehen – die Kandidaten hielten sich weitgehend daran. Weil Hauenschild langfristig abgesagt hatte, gab an seiner Stelle Reinhold Riedel eine Fünf-Minuten-Erklärung zum Programm der Linken ab. „Wir sehen Solidarität und Nächstenliebe als oberste Priorität“, sagte er, „der Mensch soll in allen Bereichen im Mittelpunkt stehen.“ Nach zehn Jahren statistisch belegter Umverteilung von unten nach oben sei es an der Zeit, die Sozialsysteme stärker zu fördern. Auch die Entwicklungszusammenarbeit ist Riedel, der in Indien zehn Jahre lang mit großer Armut aufwuchs, sehr wichtig.

„Wofür schlägt ihr politisches Herz?“ fragten Gabriele Deutschmann und Kai Grünhaupt nach den Menschen hinter den Parteiprogrammen. „Meines schlägt grün“, meinte Lindlohr, die sehr auf Nachhaltigkeit achtet und bewusst ohne Auto lebt. Bei Roth zog sich der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ durch die Diskussion, aber auch die Ökologie, bei der sie „viele Schnittpunkte mit den Grünen“ ausmachte. Grübel sieht seinen Schwerpunkt in der Familien- und Seniorenpolitik, will die Generationen zusammenbringen, sich für Demenzforschung und barrierearmen Wohnraum einsetzen. Alle drei wünschen sich, dass die Kirchen bei politischen Fragen aktiv mitreden, alle wollen den sozialen Ausgleich. Doch ähnliche Grundsätze können zu verschiedenen Detailansichten führen. Das Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger will jeder erhöhen, doch nur Lindlohr plädierte für eine deutliche Erhöhung der Sätze, vor allem bei Kindern.Deutlich waren die Differenzen bei der Altersvorsorge. Für eine Rente, die den Lebensstandard sichere, betonte Grübel, seien gesetzliche, betriebliche und kapitalgedeckte Vorsorge parallel nötig. Kleine und mittlere Unternehmen hätten keine Betriebsrenten, entgegnete Roth, sprach stärker für das umlagefinanzierte System. Mindestlöhne seien für jetzt, aber auch für die zukünftige Rente nötig, Leiharbeit gehöre an genaue Kriterien geknüpft. Mindestlöhne hält auch Lindlohr für richtig, die für eine steuerfinanzierte Mindestrente eintritt.

Während Roth für die SPD der Zukunft wegen keine Steuersenkungen versprach, will Grübel die „kalte Progression“ für Gering- und Mittelverdiener wegnehmen und die Unternehmen entlasten. Denn was nütze es, wenn letztere ganz schlapp machten? Die zögernde Kreditvergabe mancher Banken kritisierten Roth und Grübel gemeinsam, die Abwrackprämie Lindlohr alleine: „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass wir einmal fünf Milliarden für so einen Unsinn ausgeben.“

Als der engagierte Katholik Grübel den Lebensschutz als CDU-Anliegen reklamierte und entschieden gegen „werdendes Leben als Ersatzteillager“ eintrat, bedauerte Lindlohr die Aufweichung der Stichtagsregelung bei der Stammzellenforschung durch CDU-Ministerin Annette Schavan. Mit seinem Anliegen, die außerschulische Bildung trotz Ganztagsschule zu sichern, stieß der CVJM bei allen drei Kandidaten auf offene Ohren. Rätsel hinterließ eine der letzten der vielen Fragen der 60 Zuhörer. Er wolle weiterhin die große Koalition, meinte einer, was er denn jetzt wählen solle?

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