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Menschen mit Potenzial

26. April 2013

Eßlinger Zeitung vom 26. April 2013

ESSLINGEN:  Grünen-Abgeordnete Lindlohr lädt zum Dialog über das Gelingen von Integration ein

„Wie kann Integration gelingen?“ wollte die Esslinger Landtagsabgeordnete Andrea Lindlohr (Grüne) am Mittwochabend im Alten Rathaus erkunden. Gut 30 Frauen und Männer erfuhren von den Podiumsgästen, dass es an einer Willkommenskultur fehle, dass mehr Deutsch- und mehr muttersprachlicher Unterricht benötigt werde und dass es im Land kein Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse gebe.

Von Gesa von Leesen

Etwa 40 Prozent der Esslinger haben einen Migrationshintergrund, mehr als ein Viertel lebt länger als 30 Jahre in der Stadt oder ist hier geboren. Laut Lindlohr gelingt die Integration ganz gut, doch seien vor allem Bildungschancen ungleich verteilt. Lindlohrs Gesprächspartner waren der integrationspolitische Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion Daniel Lede Abal, die Sozialpädagogin Hayal Ayik, die in Ostfildern mit dem Projekt Tempo türkische, albanische und russische Eltern unterstützt, sowie die Sozialpädagogin Vera Nkenyi Ayemle aus Kamerun, die mit ihrem Verein Sompon Socialservice vor allem afrikanischen Einwanderern in Esslingen hilft.

Einigkeit bestand darin, dass die Beherrschung der deutschen Sprache wichtig sei, um sich in der Gesellschaft selbstbewusst bewegen zu können. Zunächst aber müsse die Muttersprache gut gesprochen werden. Ayemle kritisierte die mangelnde Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Seit einem Jahr gibt es ein Bundesgesetz, das die Anerkennung erleichtern soll. Aus ihrer Erfahrung, so Ayemle, koste das Verfahren bis zu 800 Euro. Das sei für viele Einwanderer zu teuer, außerdem steigere es den Frust, wenn man auch mit Anerkennung keine Arbeit finde. Da die Bundesländer für die Anerkennung vieler Berufe wie Altenpflege, Ingenieure, Lehrer zuständig sind, müssen sie eigene Gesetze erlassen. Bislang habe nur Hamburg ein solches Gesetz, erklärte Abal. Laut einer Mitteilung des Bundeswissenschaftsministeriums haben inzwischen Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und das Saarland nachgezogen.

Von der Idee anonymisierter Bewerbungen hielten weder Ayemle noch Ayik viel. Ayik erzählte, sie habe selbst einmal erlebt, wie abwehrend ein Personalchef reagiert habe, als er sie mit ihrem Kopftuch gesehen habe. Das sei schlimmer als eine schriftliche Absage. Und Ayemle befand: „Wenn mich ein Arbeitgeber einlädt, soll er keine Überraschung erleben, sondern sich vorher klar gemacht haben: Da kommt eine schwarze intelligente Frau.“ Wichtiger findet sie eine Quote: Wenn 40 Prozent der Menschen Migrationshintergrund haben, sollten 40 Prozent der Arbeitsplätze an diese Menschen vergeben werden. Dabei müsse der öffentliche Dienst mit gutem Beispiel voran gehen, sagte Ayik. Sie wünschte sich am Ende des Abends eine Willkommenskultur an Schulen und eine vorurteilsfreie Pädagogik. Ayemle erklärte: „Ich wünsche mir, dass man mich nicht als schwarze Vera sieht, sondern als Frau mit Potenzial, die etwas zu sagen hat.“

Eine richtige Diskussion kam an diesem Abend kaum zustande. Der schwarze Esslinger Michael Kaine sagte, ihm fehle beim Thema Integration Ehrlichkeit: „Eigentlich haben wir ein Rassismusproblem und ein Armutsproblem.“ Auch die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats Schulen, Aglaia Handler, wirkte wenig zufrieden, als sie fragte, wie sie an ausländische Eltern herankommen könnten, um diese zur Mitarbeit zu bewegen. Wenn die nicht kämen, läge das am Angebot, erklärte Ayik. Das müsse man verbessern.

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