. . Startseite | Sitemap | Impressum | Anmelden

Landkreis hofft auf Rückenwind für die Schiene

7. Mai 2015

Eßlinger Zeitung vom 5. Mai 2015

KREIS ESSLINGEN: In Esslingen und Plochingen sollen künftig deutlich mehr Züge halten – Ausschreibung des Landes läuft

Von Hermann Dorn

Der aktuelle Streik der Lokomotivführer ändert nichts daran, dass es für Fahrgäste in Esslingen und Plochingen mittel- und langfristig auch gute Nachrichten gibt. Bis 2018 verbessert das Land auf den Strecken zwischen Stuttgart und Tübingen sowie zwischen Stuttgart und Ulm schrittweise den Fahrplan. Neben den S-Bahnen werden in Esslingen in jede Richtung fünf Züge pro Stunde fahren. Bisher sind es maximal drei.

Noch handelt es sich um Zukunftsmusik. Die Ausschreibung für die Bahnstrecken, die Stuttgart mit der weiteren Umgebung verbinden, läuft bis Ende des Jahres. Wer den Zuschlag erhält, ist vorerst offen. Klar ist nur: Die Bahn allein sieht sich einer mächtigen Konkurrenz gegenüber. Verkehrsminister Winfried Hermann spricht von einer „guten Handvoll von Bewerbern“, die sich um das Geschäft bemühen. Nach seiner Lesart wird die Deutsche Bahn bisher für ihre Dienste im Land allzu fürstlich entlohnt. Mit dem Gesamtetat von 760 Millionen Euro, der sich aus Bundesmitteln speist, lasse sich deutlich mehr finanzieren als das bisherige Angebot. Auf den Strecken im Kreis Esslingen sieht er Spielraum für eine Verdoppelung des Angebots. Profitieren würden zentrale Bahnhöfe wie Esslingen und Plochingen.

Auftakt im Dezember 2016

Obwohl das Verfahren noch läuft, gibt man sich im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur zuversichtlich, dass für den öffentlichen Nahverkehr in der Region Stuttgart ein neues, ein besseres Kapitel eingeläutet werden kann. Große Risiken vermag Pressesprecher Edgar Neumann nicht mehr zu erkennen. „Die Grundsatzentscheidungen sind gefallen“, sagt er. Den ersten Qualitätssprung erwartet er im Dezember 2016, wenn der Startschuss für den neuen Expresszug fällt, der zwischen Stuttgart und Friedrichshafen fährt. „Mit dem Fahrplanwechsel verkehrt diese Linie stündlich“, kündigt er an. Bisher gilt ein Zwei-Stunden-Takt. Wichtig für Esslingen: Die Züge werden auch in dieser Stadt halten. Neumann ist überzeugt, dass das eine erste Verbesserung für die Fahrgäste bedeutet.

Kräftigen Rückenwind wird der öffentliche Nahverkehr in drei Jahren erfahren, wenn die nächste Stufe zum Tragen kommt. Dann schlägt die Stunde für den neuen Metropol-express, der Stuttgart mit Tübingen ebenso verbindet wie mit Ulm. Er wird ab 2018 im 30-Minuten-Takt fahren – eine Entscheidung, die im Vergleich zu heute eine Verdoppelung des Angebots bedeutet. Neumann hebt hervor, dass dieser Standard nicht nur in den Hauptverkehrszeiten gelten wird. „Wir wollen diesen Takt ganztägig.“

Ein Schwerpunkt liegt auf der Strecke zwischen Stuttgart und Tübingen. Mit täglich 15 000 Fahrgästen pro Abschnitt gilt sie landesweit als eine der Linien mit der größten Nachfrage. Laut Statistik nimmt die Akzeptanz ständig zu. Seit 2011 steigen die Fahrgastzahlen jährlich um zwei bis drei Prozent. In den nächsten Jahren soll der Fahrplan nicht nur auf der Strecke ausgebaut werden, die über Esslingen und Plochingen führt. Zwei zusätzliche Züge pro Stunde werden über die Neubaustrecke auf den Fildern eingesetzt.

Langfristige Planung

Frühere Befürchtungen, Stuttgart 21 könnte für Fahrgäste in Esslingen und Plochingen mit Nachteilen verbunden sein, hält Neumann für unbegründet. Vor allem Gegner des Verkehrsprojekts hatten in der Vergangenheit davor gewarnt, mit dem neuen Filderbahnhof könnten die beiden Stationen in den Windschatten der Linie zwischen Stuttgart und Tübingen geraten. Jetzt betont der Pressesprecher des zuständigen Ministeriums: „Das Angebot, das für Esslingen fünf Verbindungen pro Stunde vorsieht, planen wir langfristig.“ Stuttgart 21 werde keine Abstriche bringen.

Das Verkehrsministerium betrachtet die Express- und Metropolzüge, die in den nächsten Jahren in der ganzen Region sowie im Land unterwegs sein werden, als „Baustein für einen attraktiveren öffentlichen Verkehr“. Mit dem Angebot spreche man Fernreisende ebenso an wie Gelegenheitsfahrer und Berufspendler. Ziel dieser Politik sei es, die Nachfrage im Raum Stuttgart bis 2025 möglichst um 30 Prozent zu erhöhen.

Auch Andrea Lindlohr, Landtagsabgeordnete der Grünen aus dem Wahlkreis Esslingen, sieht in der Verkehrspolitik wichtige Fortschritte. „Esslingen profitiert stark von dem neuen Wettbewerb, den wir auf die Schiene bringen“, sagt sie. Obwohl es sich um keinen Verkehrsknoten handelt, würden die Züge in dieser Stadt halten. „Das ist für die größte Stadt im Landkreis ein Erfolg.“

Land schreibt Netze aus

Die Landesregierung schreibt gegenwärtig die Netze des Nahverkehrs auf der Schiene neu aus. Es geht in ganz Baden-Württemberg um Aufträge für die nächsten 10 bis 15 Jahre. Mit Rücksicht auf den Markt und die Bieter wird das Verfahren zeitlich gestaffelt. Für die Strecken zwischen Stuttgart und Tübingen sowie zwischen Stuttgart und Ulm wurde es Ende 2014 eingeleitet. Erklärtes Ziel des zuständigen Ministeriums ist es, das Angebot für die Fahrgäste deutlich zu verbessern. Der bisher geltende Vertrag mit der Deutschen Bahn läuft 2016 aus. Für Kunden und Land ist er Minister Winfried Hermann zufolge ungünstig. 2002 hatte die damalige Landesregierung den Vertrag an die DB Regio vergeben, ohne dass es vorher eine Ausschreibung gegeben hätte.

Baden-Württemberg zahlt laut Hermann im Bundesvergleich seither Höchstpreise für veraltete Fahrzeuge pro Zugkilometer. Das Land fördere unter der neuen Regierung nun den Wettbewerb. Dazu gehöre das Angebot, Fahrzeuge zu finanzieren. „Auch kleinere Anbieter haben eine Chance, zum Zug zu kommen“, behauptet Hermann. Sie bekämen die gleichen Konditionen für Kredite wie der Marktführer DB. Die Verträge mit den Anbietern, die jetzt den Zuschlag erhalten, sollen zwischen 2016 und 2018 in Kraft treten. Ihre Laufzeit liegt zwischen 7 und 13 Jahren. In ganz Baden-Württemberg werden 2014 bis 2016 nahezu die gesamten Leistungen ausgeschrieben, die vom Land bestellt werden. Insgesamt geht es um 65 Millionen Zugkilometer. Erste Ausschreibungen sind bereits abgeschlossen. Die Frist für die Strecken im Kreis Esslingen läuft bis Herbst 2015.

Bisher keine Kommentare zu "Landkreis hofft auf Rückenwind für die Schiene"
Leave a comment