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Heimatgefühle und heiße Wurst

10. Februar 2016

Aus der Eßlinger Zeitung vom 8. Februar 2016 von Carolin Sokele

OSTFILDERN: Bundespolitiker Cem Özdemir und WLB-Intendant Friedrich Schirmer im Gespräch

Was bedeutet Heimat? Diese Frage diskutierte Cem Özdemir, Mitglied des Bundestags und Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, in Nellingen mit Friedrich Schirmer, dem Intendanten der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB).

90 Zuhörer waren zu dem Gespräch gekommen, das mit persönlichen Anekdoten und biografischen Details gespickt war. Moderiert wurde es von der Esslinger Landtagsabgeordneten Andrea Lindlohr (Bündnis 90/ Die Grünen). Sie wies auf die Vielschichtigkeit des Begriffs „Heimat“, sowie seine politische Dimension hin. „Nach meiner politischen Auffassung ist es auch eine politische Aufgabe, Heimat zu stiften. Heimat ist ein Teil von Gemeinschaft und Demokratie kann nur funktionieren, wenn eine Gemeinschaft sich zu gemeinsamen Entscheidungen zusammenfindet“, sagte Lindlohr.

Özdemir, der 1965 in Bad Urach geboren wurde, machte auf ver-schiedene Definitionen von „Heimat“ aufmerksam. Er unterscheidet die politische, zeitliche oder geografische Einordnung. Lange habe er sich mit seinem Heimatort auch schwer getan, ihn als eng empfunden, berichtete Özdemir. Ganz besonders in den Jahren, in denen er die Welt habe erkunden wollen. Mittlerweile habe sich aber einiges geändert. Er schwärmte davon, in einem Tal nahe eines Waldes aufgewachsen zu sein. „Vieles, was ich damals als ganz furchtbar empfun-den habe, finde ich heute ganz besonders schön“, erzählte Özdemir, der heute mit seiner Familie in Berlin lebt. Der Blick auf die Heimat könne sich also auch verändern, sich idealisieren.

WLB-Intendant Friedrich Schirmer hat zu seinem Geburtsort Köln bis heute eine starke Verbindung. Sie werde geprägt durch Kindheitserlebnisse wie den Straßenfasching oder seine Lieblingswurstbude. „Wenn ich in Köln bin, esse ich immer eine heiße Wurst mit ganz viel Senf und Brötchen, weil das für mich das erste Heimatgefühl ist.“

Jenes Heimatgefühl aus der Kindheit sei aber auch ein „imagi-närer Sehnsuchtsort“, deshalb solle man nicht den Fehler machen, aufgrund dessen an einen Ort zurückzukehren. Er habe seine Heimat im Theater gefunden. Dort hat er den Weg vom Hospitanten zum Intendanten gemacht.

„Ich habe mich für das Theater entschieden, weil ich instinktiv eine Hoffnung hatte, dass ich im Theater auf beste Weise zu mir selbst kommen kann“, so Schirmer. Dies sei ihm auf mehr oder weniger verrückte Weise auch gelungen. Grundsätzlich, davon ist der Theatermacher überzeugt, sei es wichtig, Heimat in sich selbst zu finden. „Egal, wo ich bin, nur in mir selbst ist ein Zuhause, alles andere ist nur temporär.“

Özdemir beschrieb außerdem die Erfahrung, dass Dritte ihm oft die Rolle des türkischen Bürgers zugeschrieben hätten statt die des Schwaben. Dies habe er auch zu Beginns seiner politischen Tätig-keiten gespürt. „Ich habe leiden-schaftlich gerne über die Gefahr der Atomenergie gesprochen, aber alle wollten immer etwas zur Türkei von mir wissen. Da musste ich mich erst einmal einlesen“, verrät der Bundespolitiker. Er finde es wichtig, Menschen nicht auf ethnische oder religiöse Herkunft zu reduzieren, sie nicht in Schubladen zu stecken. Es wäre ein zivilisatorischer Fortschritt, wenn man da ein bisschen die Mauern in den Köpfen einreiße.

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