Energie der Zukunft in der Diskussion
25. Oktober 2011Eßlinger Zeitung 19. Oktober 2011
ESSLINGEN: Neue Reihe „Esslinger Dialog“ thematisiert Energiewende – Unterschiedliche Interessen prallen aufeinander
„Es soll der Beginn einer Reihe sein“, kündigte die grüne Landtagsabgeordnete Andrea Lindlohr an, als sie 6 Gesprächsgäste und 60 Zuhörer im Alten Rathaus zum ersten „Esslinger Dialog“ begrüßte. Knapp drei Stunden ging es darum, wie im Land die Energiewende gelingen kann.
Von Peter Dietrich
Das Energiekonzept 2020 der Vorgängerregierung hält Lindlohr für „wenig ambitioniert“. Grün-Rot will zulegen, etwa bei der Nutzung der Windkraft. 2020 soll sie zur Stromproduktion zehn Prozent beitragen – derzeit ist es nicht mal eins. „Der Wille von Investoren ist da, am Geld wird es nicht scheitern“, versicherte Michael Soukup von der Firma Theolia Naturenergien. Im eher windarmen Baden-Württemberg seien drei Regionen interessant: Schwäbische Alb, Schwarzwald und die Gegend zwischen Schwäbisch Hall und Würzburg. Auch im Kreis Esslingen gebe es interessante Standorte. Die Mindestgröße seien drei Windräder: „Auch die Politik möchte die Anlagen bündeln.“ Das Problem: „Derzeit ist Windkraft auf 99,5 Prozent der Landesfläche verboten.“ Jeder der zwölf Regionalverbände handhabe die Genehmigungen anders. Bis Ende des Jahres werde das Landesplanungsgesetz geändert, kündigte Lindlohr an. Für den Ausbau der Windkraft, schätzt BUND-Landesgeschäftsführer Berthold Frieß, werden zwei bis drei Prozent der Landesfläche gebraucht. Es seien Flächen mit wenig Naturschutzkonflikten gefragt. Gut sei, dass im Land nun die Vogelzuglinien kartiert würden. Trotz der Konflikte stellte Frieß klar: Sein Naturschutzverband ist für den Ausbau.
Alte Wehranlagen nutzen
Ernst Fragner von der Ökostrom Süßen GmbH hat sich der Wasserkraft verschrieben. „Die lukrativen Projekte werden immer weniger“, stellte er fest, er wünscht sich eine EEG-Förderung (Erneuerbare-Energien-Gesetz) von Kleinstanlagen bis zu einer Leistung von fünf Kilowatt. Er findet es schade, wenn stillgelegte Wehranlagen rückgebaut werden, ohne sie erneut für die Stromproduktion zu nutzen. Wie kompliziert eine Einigung sein kann, schilderte Matthias Berg, stellvertretender Landrat in Esslingen. Ein uraltes Kraftwerksrecht erstrecke sich über ein Drittel des Flusses, das restliche Wehr gehöre dem Land. Nun beteiligt sich der Privatmann an der Fischtreppe, verdient aber am neuen Kraftwerk. „Die Belange abwiegen“, riet Berg, diese Forderung zog sich durch die ganze Diskussion. Berg forderte die Landesregierung auf, die neue Verwaltungsvorschrift zur Geothermie zu prüfen. Zum einen machten die Anforderungen an die Armierung und die Entnahme von Bodenproben die Sache fast unbezahlbar, zum anderen sei die geforderte Versicherung zu niedrig: „Mit drei Millionen kommt man in Staufen nicht weit.“
In der Nahwärmeversorgung konkurrenzfähig zu sein, falle den Stadtwerken schwer, sagte Ostfilderns Baubürgermeister Michael Assenmacher. Dabei ist die gemeinsame Nutzung von Strom und Wärme höchst effektiv, wie Anton Lutz von der KWA Contracting AG betonte. Er bat die Zuhörer, sich für die Energiewirtschaft in kommunaler Hand einzusetzen.
„Die Energieerzeugung muss vor Ort stattfinden“, forderte Soukup. „Offshore ist zwar schön, aber der Strom muss erstmal transportiert werden.“ Wie sehr die Netze ausgebaut werden müssen, ist umstritten. Ein Ausbau soll aber, da waren sich die Diskutierenden einig, nicht einfach unstrukturiert nach den Wünschen der Netzbetreiber erfolgen.
Am unproblematischsten ist jede Kilowattstunde Strom, die erst gar nicht verbraucht wird. „Wir brauchen eine Effizienzrevolution“, forderte Frieß. Am Ende fasste Lindlohr die Diskussion in einem einzigen Satz zusammen: „Eine große Aufgabe.“


