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„Bei umfassender Palliativ-Versorgung gehen Suizidwünsche gegen Null“

20. März 2015

Eßlinger Zeitung vom 19. März 2015

ESSLINGEN: Diskussion mit Andrea Lindlohr nimmt Sterbebegleitung und assistierten Selbstmord in den Blick

Von Petra Weber-Obrock

Der Tod geht uns alle an. irgendwann wird jeder von uns mit dem Thema konfrontiert. sei es mit dem eigenen Tod oder dem Sterben naher Angehöriger. Umso wichtiger ist, dass das Thema mehr und mehr aus der Tabuzone in die öffentliche Diskussion geholt wird. Einen Beitrag dazu leistete Andrea Lindlohr, Landtagsabgeordnete der Grünen im Wahlkreis Esslingen. Unter dem Motto „Menschenwürdig sterben“ hatte sie zu einer Podiumsdiskussion ins Alte Rathaus eingeladen.

Im Mittelpunkt standen sowohl die palliative Versorgung im Landkreis als auch die Diskussion über die im Bundestag anvisierte gesetzliche Neuregelung von Sterbehilfe und assistiertem Suizid. Der bis auf den letzten Platz gefüllte Bürgersaal zeigte, wie groß das Interesse an dem Thema ist.

Auf dem Podium saßen Susanne Kränzle, die Leiterin des stationären Hospizhauses in Oberesslingen, Claudia Schmolke-Bohm, die Koordinatorin der am Kreisklinikum in Ruit angesiedelten „spezialisierten ambulanten palliativen Versorgung“ (SAPV), die Psychoonkologin Ute Richter und der Münchner Medizinethiker und Neurologe Ralf Jox. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Esslinger Dialogs statt, den Lindlohr seit vier Jahren organisiert.

„Jeder Mensch wünscht sich, in Würde und möglichst selbstbestimmt zu sterben“, betonte sie und lobte die ambitionierte und gut organisierte palliative Versorgung in Esslingen und Umgebung.

Die Förderung der Sterbebegleitung dürfe bei einer gesetzlichen Neuregelung eines assistierten Suizids nicht aus dem Blick verloren werden.

Die Gäste schöpften aus einem hoch qualifizierten Fachwissen. Obwohl sich ihre Positionen stark unterschieden, wurde fair und respektvoll miteinander umgegangen. Jedem schwerkranken, so war der Konsens, sollte die Möglichkeit gegeben werden, menschenwürdig zu sterben. Dazu müsse die palliative Versorgung weiter gestärkt und ihre Finanzierung auf sichere Beine gestellt werden.

Bundestag entscheidet im Sommer

Ralf Jox führte aus, dass für manche Kranke dennoch eine „Exitstrategie“ wichtig sei, eine Art gewissheit im Hinterkopf, das Ende des Lebens selbst herbeiführen zu können. Der Medizinethiker an der Universität München ist Mitautor einer gesetzesinitiative zur Neureglung der Sterbehilfe, über die im Sommer im Bundestag entschieden werden soll. Danach soll ärztliche Beihilfe zum Suizid in engen Grenzen erlaubt und straffrei sein. Nach strenger Prüfung soll es möglich sein, dass ein Arzt einem noch entscheidungsfähigen schwerstkranken ein Medikament zur Selbsttötung verschreibt, das dieser von eigener Hand einnimmt.

Das Gesetz soll ebenso einer Kommerzialisierung der Sterbehilfe nach Schweizer Vorbild als auch einer „Tötung auf Verlangen“ wie in den Niederlanden einen Riegel vorschieben. Es orientiert sich an Regelungen aus den Bundesstaaten Oregon und Washington in den USA. gegen aktive Sterbehilfe sprach sich Susanne Kränzle aus. „Die Hospizbewegung fordert die Strafbarkeit und das Verbot der gewerblichen und organisierten Beihilfe“, sagte sie und befürchtet eine Ausweitung der Sterbehilfe wie in den Niederlanden. Dort sei inzwischen eine Tötung behinderter Säuglinge und dementer Menschen möglich. „Bei umfassender palliativer Versorgung gehen suizidwünsche der Menschen gegen null.“

Claudia Schmolke-Bohm koordiniert die Hilfen der SAPV im Landkreis, die sich mit regelmäßigen Hausbesuchen um sterbende und ihre Angehörigen kümmert. ihr sind in fünf Jahren intensiver Sterbebegleitung drei Fälle begegnet, in denen Menschen die Hilfe von Organisationen gesucht hätten. Beide befürchten, dass eine Liberalisierung der Sterbehilfe schwerkranke unter Druck setzen könnten, ihr leiden schneller zu beenden, weil sie niemandem zur Last fallen wollen.

Netzwerk aufspannen

Die Esslinger Fachärztin für Psychosomatik, Ute Richter, betreut viele Menschen, die an Krebs im Endstadium leiden. „Es ist sehr bewegend zu sehen, wie einige von ihnen ihr leben zum Schluss noch einmal in die Hand nehmen.“ sie forderte dazu auf, ein Netzwerk der Unterstützung für schwerstkranke aufzuspannen, in dem sich Ärzte, Pflegekräfte, Angehörige und Ehrenamtliche gegenseitig unterstützten.

1 Kommentar zu "„Bei umfassender Palliativ-Versorgung gehen Suizidwünsche gegen Null“"
  1. Hallo Andrea, wir haben den Beitrag zu oben genannter Thematik mit grossem Interesse gelesen und finden es super ein solch heisses Thema einer größeren Öffentlichkeit zur Diskussion zu stellen. Wir können uns lebhaft vorstellen welch gegensätzliche Meinungen da unwillkürlich aufeinander treffen. Aber es sollten mehr Menschen so mutig sein dieses heiße Eisen der Öffentlichkeit vorzustellen und darüber zu diskutieren. Nur so kann letztendlich eine mehrheitliche tragfähige Willensbildung entstehen. Weiter so, Andrea ! Danke und liebe Grüße.

    Hans u. Elisabeth Duelli | 26. März 2015
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